Die bewegte Geschichte unseres Verbindungshauses

 

Die Liegenschaft Misteli, deren Fundamente aus römischer Zeit stammen, hat eine lange Tradition und spannende Geschichte. Im mittelalterlichen Solothurn sind prominente Hausherren verzeichnet, die Schultheissen Peter Hebolt und wohl auch Niklaus von Wengi der Jüngere, Namenspatron der Wengia. Schon Wengi soll eine Gaststätte betrieben haben. Urkundlich gesichert ist ein Pintenschenkrecht von 1831. Mit dem Erwerb durch Viktor Schmid-Zuber im Jahr 1851 wurde das Restaurant als «Café Waterloo» bekannt, später – mit der Heirat der Witwe Schmid mit Stadtkassier Major Johann Schöpfer – als «Café Schöpfer». 1908 erwarben Oskar und Luise Misteli-Gasche das Haus. Seit 1943, über 60 Jahre, ist es als Stammlokal der Wengia in hohem Mass identitätsstiftend. Das Kneiplokal befand sich zunächst im ersten Obergeschoss. 1957 wurden die ehemaligen Pferdestallungen zu diesem Zweck umgebaut und ein langfristiger Mietvertrag abgeschlossen.

Zum renommierten Speiselokal wurde das Restaurant ab Mitte der Fünfzigerjahre, als es Peter Misteli mit Gertrud Misteli-Baumgartner führte, nach deren Tod mit seiner zweiten Ehefrau Hanni Misteli-Näf. Nach dem Übergang an die Baugenossenschaft der Wengia legte Peter Misteli den Kochlöffel am 28. April 1986 endgültig nieder.

Architekt Hansjörg Sperisen v/o Color leitete 1986 eine Teilsanierung, namentlich von Küche, Säli, Altdeutscher Stube und Weinstube. Gleichzeitig wurde unter dem Slogan «Jeder Wengianer wird Mistelianer» Genossenschaftskapital zusammengetrommelt, um den Kaufpreis von 1,72 Millionen Franken sowie den Umbau zu finanzieren. Im Verlauf von knapp drei Monaten kamen 600 000 Franken zusammen.

Ab dem 11. November 1986 trugen folgende Pächter die Verantwortung für das leibliche Wohl der Gäste: Wilfried und Katharina Grub (bis Juni 1992), André Rüetschi (August 1992 bis Februar 1998), André und Gabriela Roth-Eberle (März 1998 bis Februar 2001), sowie Hermann Sahli als Gerant der Baugenossenschaft (März 2001 bis November 2001).

Nach der Auflösung des Pachtvertrages Ende Februar 2001 versuchte eine Schar engagierter Altherren unter der Führung von Urs Herzog v/o Knigge, die eingeschlafene Begeisterung für das Verbindungshaus wachzurütteln. In einer Umfrage sprachen sich 73 Prozent dafür aus, das Misteli der Wengia zu erhalten, und 68 Prozent waren bereit, neues Anteilscheinkapital zu zeichnen. In der auf das «Interregnum Sahliensis» folgenden Generalversammlung, an der zugleich der neue Pächter Schuler & Cie AG vorgestellt wurde, kamen 110 000 Franken zusammen.

Leider war uns auch mit diesem Pächter kein Erfolg beschieden und am 5. Juni 2004 mussten die Genossenschafter über eine prekäre Lage orientiert werden. Die Verwaltung unter Andreas Bürgi v/o Stoa wollte zur Schadensminderung das Haus verkaufen. Diesem Antrag folgte die Generalversammlung der Baugenossenschaft vom 20. November 2004. Schneller als erwartet wurde ein Kaufinteressent gefunden, der das Misteli für 1,5 Millionen Franken erwerben und einer neuen Nutzung zuführen wollte. Die Wengianer hätten das Haus verlassen und eine neue Bleibe suchen müssen.

Ein harter Kern wollte sich damit aber nicht abfinden und suchte nach Wegen, um das Haus in Wengianerbesitz zu behalten. Zusammen mit einem Gastronomen und dem Architekten Bruno Walter aus Solothurn erarbeiteten Andreas Wyss v/o Alka, Markus Reber v/o Homer und Daniel Ritschard v/o Quart ein Konzept, das bei den Couleurbrüdern auf ein positives Echo stiess. In einer konsultativen Umfrage konnte innerhalb einer Woche Kapital von mehr als 1 Million Franken zusammengetrommelt werden. Damit wiederholte sich die Geschichte: Rund 20 Jahre nach dem Kauf des Hauses in letzter Minute konnte in letzter Sekunde der Verkauf an Dritte abgewendet werden.

Das Projekt beinhaltete, die ganze Liegenschaft einer Totalsanierung zu unterziehen, namentlich mit einem Treppenhaus und einem Lift neu zu erschliessen und auch die Haustechnik zu erneuern. Die oberen Geschosse sollten als Wohnungen genutzt werden, und es wurde ein neues Gastronomiekonzept entwickelt. Nach den Plänen von Architekt Walter erhielt das Kneiplokal im Gewölbekeller einen besseren Platz. Die Kosten für den Umbau waren auf 2,2 Millionen Franken veranschlagt. Es musste also neues Kapital beschafft werden. Homer schlug dazu einen Rechtskleidwechsel vor und entwarf ein Konzept zur Umwandlung der Baugenossenschaft in eine Aktiengesellschaft.

An drei ausserordentlichen Generalversammlungen vom 3. September 2005 lief alles nach Plan; die Couleurbrüder folgten den Anträgen der Verwaltung der Baugenossenschaft, des designierten Verwaltungsrates der Misteli AG und des Komitees der Alt-Wengia nahezu einstimmig. Die Metamorphose der grün-rot-grünen Raupe zum grün-rot-grünen Schmetterling gelang: Der Genosse wurde zum «Shareholder». Dem Aufruf, neue Aktien zu zeichnen, folgten rund 200 Personen, auch Frauen, Philister, Dornacher und Helveter sowie die Vereine Alt-Wengia und Männerhelvetia Solothurn. Diese war am 16. November 1886 im «Café Schöpfer» gegründet worden und kehrte mit ihrem Stamm ins Misteli zurück.

Mitte März 2006 fiel der Startschuss für die Bauarbeiten. Sie förderten verschiedene Überraschungen zutage: In der ehemaligen Gaststube wurde eine Säule aus Berner Sandstein von 1520 gefunden, die – zusammen mit der Holzdecke, die ebenfalls aus dieser Zeit stammt – die ehemalige Wohnstube von Schultheiss Peter Hebolt schmückte. Dazu kamen Freskomalereien und eine Grisailledecke ans Licht, im Keller sogar römische Scherben. Gravierender waren statische Probleme. Der Abriss der Brandmauern im früher aus drei Häusern bestehenden Gebäudekomplex störte das Gleichgewicht empfindlich, und das Haus wurde zu einer «sehr geneigten Sache»: Die Mauer zum östlichen Nachbar ragt stark auf das Grundstück Misteli, die Westfassade neigt sich Richtung Liegenschaft «Zum alten Stephan». Auch erwies sich die Nordwand als nicht mehr ausreichend tragfähig. Die Lösung wurde in der Befestigung des Hauses am neuen Treppenhauskern aus Beton gefunden. Diese Herausforderungen und Wünsche der kantonalen Denkmalpflege führten zu erheblichen Mehrkosten; letztlich hat die Misteli AG rund 2,8 Millionen Franken investiert.

Gekürzter Artikel von Markus Reber v/o Homer aus Köpfe, Ereignisse, Taten. 125 Jahre Wengia Solodorensis. Solothurn 2009, S. 116ff.

 

Ein Bericht der Kantonalen Denkmalpflege Solothurn zur Renovation der Liegenschaft findet sich hier.